Die Geschichte vom Blauland

Es war einmal ein Land, in dem war alles blau. Das müsst ihr euch vorstellen! Die Blumen, die Gräser die Sträucher, die Wege und Pfade – ja, sogar die Sonne und der Mond – alles war blau -.
Selbst die Menschen, die in diesem Lande lebten – die Fizzli-Puzzlis, waren ganz und gar blau! Sie lebten auf den Wiesen, unter Blättern oder in den Blüten der Blüten.
Die Fizzli-Puzzlis hatten einander sehr lieb. Keiner war auf den anderen neidisch oder gar böse, sie kannten auch keinen Streit. Sie hätten nie gedacht, dass es in der übrigen Welt auch noch andere Farben gab.
Im Nachbarland lebte der Farbenkönig. Dieser König liebte Farben über alles. Es konnte ihm gar nicht bunt genug sein in seinem Reich. So kam es auch, dass ihm die Fizzli-Puzzlis leid taten, denn sie kannten nur ihr Blau. Er beschloss, ihnen die Farbe Rot zu schenken, um ihnen eine Freude zu machen.
Eines Nachts ließ er eine rote Kugel ins Blauland rollen. Diese Kugel aber war eine Zauberkugel, und der erste, der sie sehen und sich dabei etwas wünschen würde, dem sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen. Danach jedoch würde die Kugel ihre Zauberkraft verlieren.
Im Blauland rollte die Zauberkugel unter eine Blume und blieb dort liegen. Auf einem Blatt dieser Blume saß ein Fizzli-Puzzli. Er war noch nicht schlafen gegangen. In dieser Nacht schien der Mond besonders hell, und der Fizzli-Puzzli konnte die rote Kugel genau betrachten.
„Oh, wie schön“ dachte er, „was für eine wunderschöne Farbe! Ich selbst bin ganz blau. Wenn ich auch so eine Farbe wie diese Kugel an mir hätte!“ Er dachte noch eine kleine Weile darüber nach, woher diese Kugel wohl gekommen war, doch dann legte er sich selbst schlafen, denn er war auf einmal sehr müde geworden.
Als er am anderen Morgen erwachte, sah er, dass seine Freunde die Kugel bereits entdeckt hatten. Aufgeregt betrachteten und betasteten sie die Kugel von allen Seiten. Alle redeten wild durcheinander. Ein Fizzli-Puzzli zeigte plötzlich nach oben, wo der eben erst erwachte Fizzli-Puzzli auf seiner Blume saß. Auf einmal waren alle still und starrten zu ihm hinauf.
Da sah er an sich herunter und erschrak fürchterlich! Er war nicht mehr blau! Nein, er hatte nun dieselbe Farbe wie diese Kugel. Er sah gar nicht mehr aus wie die anderen.
Er kletterte von seiner Blume herunter und wollte mit seinen Freunden reden. Doch sie gingen ihm aus dem Weg. Einige tuschelten hinter vorgehaltener Hand miteinander, manche wurden wütend, andere lachten ihn aus. Einer hatte jetzt sogar Angst vor ihm, fing an zu weinen und lief weg. Da wurde der rote Fizzli-Puzzli sehr, sehr traurig. Er war doch immer noch ein Fizzli-Puzzli, auch wenn er nun eine andere Farbe hatte.

Auch der Farbenkönig war traurig. Er hatte alles beobachtet und war ganz durcheinander. Hatte er doch den Fizzli-Puzzlis eine Freude machen wollen, und nun war alles so schlimm geworden. Da kam ihm eine Idee. Wenn er ihnen noch eine Farbe schickte, vielleicht würde das helfen. So schickte er denn in der nächsten Nacht wieder eine Zauberkugel ins Blauland, dieses Mal eine gelbe.
Sie rollte einem Fizzli-Puzzli direkt vor die Füße. Er musste die Augen schließen, so blendete ihn die gelbe Kugel. Doch dann dachte er:“ Die Farbe dieser Kugel ist noch viel schöner, als die der anderen, die wir heute morgen gefunden haben. Wenn ich so eine Farbe hätte, wäre ich noch viel schöner als alle anderen.“ Kaum hatte er das gedacht, da färbte er sich auch schon gelb. Zufrieden legte er sich schlafen und war gespannt, was die anderen dazu sagen würden.
Am folgenden Tag ging es bei den Fizzli-Puzzlis drunter und drüber. Einige fanden den Roten viel schöner als den Gelben. Wieder andere wollten von dem roten und auch von dem gelben Fizzli-Puzzli nichts mehr wissen und spielten nur noch mit ihren blauen Freunden.
Und dann gab es da noch einen Fizzli-Puzzli, der nicht wusste, mit wem er nun spielen sollte. Denn er hatte sie doch alle gern, den Roten, den Gelben und auch die Blauen. So wurde er immer trauriger und trauriger...
Endlich beschloss er, mit dem Roten und dem Gelben zu reden.
Am Nachmittag trafen sich die drei im Schilf. Der blaue Fizzli-Puzzli nahm den roten und den gelben an die Hand und sagte zu ihnen: “Ich bin so traurig. Früher war es bei uns im Blauland viel schöner. Keiner war auf den anderen böse, wir haben alle miteinander gespielt. Ich wünsche mir, dass das wieder so wird, denn ich habe euch doch alle lieb.“
Die drei wussten nicht, dass sie von den anderen Fizzli-Puzzlis beobachtet wurden. Sie waren ihnen nachgeschlichen und hatten sich versteckt. Und plötzlich bemerkten sie etwas Sonderbares...

Neugierig krochen die Fizzli-Puzzlis aus ihrem Versteck und sahen zu, wie ihr blauer Freund den roten Fizzli-Puzzli umarmte. „Seht doch“, rief einer von ihnen, „die beiden nehmen sich in den Arm, und es entsteht eine neue Farbe.“
„Ja“, sagten die anderen,“ das kann nicht mit rechten Dingen zugehen.“ „Oh, doch“, sagte da der blaue Fizzli-Puzzli, der den roten umarmte, hier geht es schon mit rechten Dingen zu ...“, und dabei lächelte er.

Nun fasste sich der rote Fizzli-Puzzli ein Herz und gab dem gelben einen Kuss. „Seht doch, seht doch“, riefen die anderen, „der Rote gibt dem Gelben einen Kuss, und es entsteht wieder eine neue Farbe! Das muss Zauberei sein.“ „Nein, nein“, sagte nun wieder der eine blaue Fizzli-Puzzli, Zauberei ist es nicht.“
Dann fasste er den gelben Fizzli-Puzzli an der Hand und tanzte und hüpfte fröhlich mit ihm über die Wiese. „Seht nur, seht!“ riefen die anderen Fizzli-Puzzlis, „der Blaue tanzt mit dem Gelben, und es entsteht schon wieder eine wunderschöne neue Farbe! Das muss ganz sicher Zauberei sein.“ „Nein“, sagte der blaue Fizzli-Puzzli wieder, „Zauberei ist es nicht. Das alles geschieht nur, weil wir uns endlich wieder lieb haben!“

Die Fizzli-Puzzlis hatten etwas sehr wichtiges entdeckt. Sie wussten jetzt: wenn sie einander lieb haben, können sie noch andere, neue schöne Farben entstehen lassen. Das können sie ganz alleine, niemand muss ihnen dabei helfen! Von nun  an verlebten sie wieder eine schöne Zeit miteinander im Blauland. Alles war wie früher. Fast alles – ihre kleine Welt war bunter und noch ein wenig fröhlicher geworden.

Mit freundlicher Genehmigung des AnTex Verlag / TINA Kinderbücher

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